Im Porträt Extrem intensiv: So fühlt Joelle Westerfeld mit Borderline

Autorinnen

Joelle Westerfeld
Joelle Westerfeld hat sich von viel Druck in ihrem Leben befreit, um ihre Gefühlschaos in den Griff zu bekommen. Bild: Yvonne Schmedemann

"Es ist ein Kampf", schreibt Joelle Westerfeld über ihre Borderline-Persönlichkeitsstörung. Sie hat ihren Weg gefunden, mit der Erkrankung ein gutes Leben zu führen und will heute ihre Reichweite als Journalistin und Autorin nutzen, um Stigmata abzubauen.

Audio
Joelle Westerfeld

Gesprächszeit Ihre Gefühle prasseln ungefiltert auf Joelle Westerfeld ein

Seit sie elf Jahre alt ist, fühlt Joelle Westerfeld alles extrem. "Es ist ein Kampf", schreibt Joelle Westerfeld über ihre Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Bild: Yvonne Schmedemann
Audio-Ende

Seit sie elf Jahre alt ist, fühlt Joelle Westerfeld extrem. Gedanken, die sich um Trauer, Leere und Verzweiflung drehen, nimmt sie viel stärker wahr als ihre Mitmenschen: "Irgendwann habe ich es gar nicht mehr aus dem Haus geschafft, weil meine Emotionen mich so eingenommen haben."

In ihr fuhr alles Achterbahn

Aufgewachsen ist Westerfeld in einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein, 50 Kilometer von Hamburg entfernt. "Ich hatte auch sehr euphorische, viele schöne Gefühle und ganz tolle Freundschaften und so. Aber gleichzeitig in mir – im Innen –  diese ganz großen Kämpfe." Von der Schule kam sie immer öfter vorzeitig nach Hause, weil sie dort die Gespräche und den Druck nicht mehr aushielt. Als Teenager verlor sie 20 Kilogramm, weil sie eine Essstörung entwickelt hatte.

Und plötzlich war ich ganz nackt emotional.

Joelle Westerfeld über ihren Zusammenbruch mit etwa 18 Jahren

Schließlich wurde ihr auch das Zusammenleben mit den Eltern zu viel, obwohl sie sich von ihrer Mutter immer wahnsinnig geliebt gefühlt hat. Sie zog aus, mauerte sich ein und landete mit 18 Jahren in einer Klinik: "Es ist quasi, als hätte ich mir, seit ich elf war, so eine Mauer gespachtelt, aber ohne Ausbildung dafür. Und mit 18 habe ich vielleicht versucht, den letzten Stein raufzulegen und dann ist sie umgekippt. Und plötzlich war ich ganz nackt emotional."

Nach Therapieabbruch sah sie auf Reisen klarer

Als Teenager dachte Westerfeld immer, dass sie stark sein müsse. Keiner sollte wissen, wie schlecht es ihr ging. "Und mit 17, 18 ist das aus mir rausgeplatzt. Ich habe überall geweint. Ich konnte keine Emotionen mehr verstecken. Ich habe so lange dagegengehalten – es ging einfach nicht mehr." In der Klinik musste sie dann plötzlich mit Regeln und einem klar strukturierten Tagesablauf zurechtkommen. "Ich hab‘ mich wahnsinnig gefangen gefühlt, ich hab mich ganz doll fehl am Platz gefühlt und ich hab mich auch ganz stark gewehrt, auch gegen die Therapien."

Dieser Prozess war ganz wichtig für mich, um zu lernen, dass das Leben schön sein kann.

Joelle Westerfeld fand auf Reisen zu sich selbst zurück

Der Erwartungsdruck war zu hoch. Am Ende brach Westerfeld die Therapie ab. Weil sie nichts zu verlieren hatte, ging sie mit ihrem Kindergeld als Reisebudget auf eine Reise nach Dänemark, Nordafrika und Israel: "Und dieser Prozess war, glaube ich, ganz wichtig für mich, um zu lernen, dass das Leben schön sein kann. Und zu lernen, dass ich was geschenkt bekommen habe in meinem Leben, nämlich ganz viel Privileg. Zum Beispiel die Tatsache, einen deutschen Pass zu haben, aus einem Land zu kommen, wo ich überall hinreisen kann."

Neustart mit "Glanz&Natur"

Westerfeld stellte fest, dass das Leben lebenswert sein kann. In einem normalen Job-Alltag Halt zu finden, fiel ihr aber weiterhin schwer – bis sie an einem Theater erstmals so etwas wie ihr Habitat fand: "Im Theater habe ich das erste Mal eine andere Arbeitswelt kennengelernt, eine freiere, eine kreativere." Mit der Corona-Pandemie folgte der nächste Rückschlag. Die Bühnen schlossen, und Westerfeld war wieder auf der Suche, bis sie auf eine Ausschreibung von Funk, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF stieß. Sie wurde Host des Funk-Formats "Glanz&Natur" und besprach alles rund um Körper, Sex und Beziehung für eine junge Zielgruppe.

"Glanz&Natur" war Westerfelds Einstieg in den Journalismus. Sie volontierte beim Hessischen Rundfunk und ging bereits im Bewerbungsverfahren offen damit um, dass sie für das Volontariat weniger Kraft haben würde als ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Weil sie sich ihre Kräfte gut einteilte, schloss sie erfolgreich ab, nachdem sie vorher ihren Realschulabschluss mit Ach und Krach geschafft hatte.

Ein Podcast über das Geld hinter dem Körperkult

Gerade ist ihr Podcast "Das Imperium Pamela Reif – Workout zur Macht" erschienen. Für die Mini-Serie über die deutsche Fitness-Influencerin hat Joelle Westerfeld sich noch einmal in eine toxische Körperwelt hineinbegeben, nachdem sie selbst jahrelang mit ihrem eigenen Körper gehadert hat: "Es lässt sich sehr viel Geld damit verdienen, mit diesem ganzen Körperkult (…). Und wir haben einfach mal ganz genau dahintergeguckt: Wie funktionieren diese Logiken? Wie und von wem lässt man sich einnehmen auf Social Media? Was muss jemand eigentlich haben, dass ich ihm vertraue? Und natürlich war unterschwellig immer das Thema dabei: Was macht das eigentlich mit dem eigenen Körpergefühl?"

Externer Inhalt eingebunden

Hier können Sie sich externe Inhalte (Text, Bild, Video…) von ARD Sounds anzeigen lassen

Stimmen Sie zu, stellt Ihr Browser eine Verbindung mit dem Anbieter her.
Mehr Infos zum Thema Datenschutz.

Ende externer Inhalt
Externer Inhalt eingebunden
Ende externer Inhalt

Ein "Senioren-Lifestyle" ist ihre große Stütze

Heute sagt Joelle Westerfeld: "Ich will einfach in Frieden hässlich sein können." Inzwischen hat sie sich von jeglichem Erwartungsdruck befreit und ihren Umgang mit ihrer Borderline-Erkrankung durch Klinikaufenthalte, Therapie und Medikamente gefunden. Ihr selbst ernannter "Senioren-Lifestyle" hilft ihr dabei, in der Spur zu bleiben: "Das heißt, ich versuche regelmäßig zu schlafen, viel rauszugehen und eine Tagesstruktur zu haben. Ich trinke sehr, sehr wenig Alkohol. Ich habe aufgehört zu rauchen. Und das sind natürlich schon Sachen, die für uns alle gut sind. Aber es ist vor allem so, dass wir massiv unterschätzen, welchen Einfluss das auf unsere mentale Gesundheit hat."

Zehn Jahre lang hatte Westerfeld Angst vor dem Autofahren und macht jetzt mit Ende 20 sogar ihren Führerschein. Heute versucht sie anderen, die auch jahrelang gegen ihren Körper gekämpft haben, zur Seite zu stehen. Auf Instagram postet sie zu Themen wie Körperakzeptanz, Suizidprävention oder mentaler Gesundheit. "Es ist was Anderes, ob jemand Psychologie studiert hat und es einem aus einer Lehrbuchperspektive erklärt, dass du so und so bist. Oder ob da eine Person ist, die sagt, ich war mal an genau dem Punkt, wo du bist und so bin ich da rausgekommen."

Ich denke, ich lebe ein normales Leben.

Joelle Westerwelle über den Punkt, an dem sie gerade angekommen ist.

Und sie klärt über Borderline auf, denn Westerfeld hat die Erfahrung gemacht, dass Menschen wie sie in unserer Gesellschaft oft als Täterpersönlichkeiten beschrieben werden. Sie selbst hatte im letzten Jahr keine depressive Episode mehr: "Ich denke, ich lebe ein normales Leben."

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 17. Juni 2026, 18:05 Uhr

Bremen Zwei Livestream & aktuelle Sendung.

Sounds in concert mit Harald Mönkedieck

Sounds in concert
Sounds in concert
  • Sounds in concert