Im Porträt Auf TikTok und Instagram informiert Susanne Siegert über den Holocaust
Stand: 9. Juni 2026.
Susanne Siegert sorgt dafür, dass wir uns auch in den sozialen Medien an den Nationalsozialismus erinnern. Auf Instagram klärt sie unter dem Namen "keine.erinnerungskultur" über Verbrechen unterm Hakenkreuz auf.
Gesprächszeit So informiert Susanne Siegert im Netz über den Holocaust
Was haben Oma und Opa in der NS-Zeit gemacht? Liegt über der eigenen Familie vielleicht ein dunkler Schatten? Diese Fragen sind in vielen deutschen Familien bis heute ungeklärt. In Susanne Siegerts Familie sorgte ein Foto von ihrem Ur-Opa in Uniform für Gesprächsstoff: "Da ist ein Abschnitt des Fotos so abgeschnitten, wo sonst das Symbol der Wehrmacht zu sehen gewesen wäre."
Ihr Opa war in der Wehrmacht
Trotz des Fotos wurde in ihrer Familie die Geschichte des Ur-Opas nicht vertuscht. Doch Susanne Siegert wollte mehr wissen. Zu all ihren Großvätern hat die heute Mitte 30-Jährige Anfragen beim Bundesarchiv gestellt, um herauszufinden, was diese während des Zweiten Weltkrieges getan haben. Zu dem Opa in Wehrmachtsuniform erhielt sie eine Gefechtsliste mit all seinen Stationierungen bis zu seinem Tod. "Und da ist eben eine Station dabei, wo man dann durch ein bisschen Recherche herausfindet, dass er beteiligt war an einem Pogrom an der jüdischen Bevölkerung von Lemberg, wo 4000 Juden und Jüdinnen ermordet wurden."
Susanne Siegert möchte auch andere ermutigen, sich mit der NS-Geschichte Deutschlands zu befassen. Auf ihren TikTok- und Instagram-Accounts stellt sie unbekannte Widerstandskämpfer vor, erzählt vom Insel-KZ auf der Kanalinsel Alderney oder sensibilisiert für die Sprache der NS-Zeit, die sich auch heute noch in unserem Sprachgebrauch wiederfindet. Dabei geht sie auch mit ihren eigenen Wissenslücken offen um: "Ich vermittele das hoffentlich auf Augenhöhe und auf eine Art, die halbwegs authentisch und sympathisch ist."
Es geht darum, dass man checkt, auf wie vielen Schultern diese Verbrechen und dieses Regime verteilt war.
Susanne Siegert über das Ziel ihres Bildungscontents
Außerdem erfährt man bei ihr, wie man im Bundesarchiv einen Antrag auf Täterrecherche stellt. "Ich hoffe, dass Leute sich ermutigt fühlen, selber zu recherchieren, indem sie sehen, dass ich auch darüber ganz offen spreche." Dabei müsse sich niemand verpflichtet fühlen, seine persönliche Familiengeschichte zu teilen. "Es geht eher darum, dass man checkt, auf wie vielen Schultern diese Verbrechen und dieses Regime verteilt war. Dass es nicht nur Hitler, Himmler, Heydrich waren, die sechs Millionen Juden und Jüdinnen ermordet haben, sondern auch ganz viele andere Menschen. Unter anderem auch unsere Angehörigen."
Sie will Menschen mit wenig Vorwissen erreichen
Weil die Video-Konkurrenz auf den Plattformen groß und der Algorithmus gnadenlos ist, steckt Susanne Siegert viel Energie in ihre Reels. "Der Einstieg ist sehr wichtig. Man muss ein bisschen herausstechen, dass Leute einem ihre Aufmerksamkeit schenken."
Wissen alle, dass am 8. Mai der Weltkrieg in Europa geendet hat? Kann man von ausgehen – muss man aber nicht!
Susanne Siegert über das Vorwissen ihrer Follower:innen
Zwar geht sie von einer jüngeren Zielgruppe aus, aber im Grunde will sie unabhängig vom Alter diejenigen erreichen, die nicht allzu großes Vorwissen über den Holocaust haben. "Ich frage mich: Wusste ich mit 16, was Euthanasie bedeutet oder Antisemitismus? Oder auch wenn es um Kontexte geht: Wissen alle, dass am 8. Mai der Weltkrieg in Europa geendet hat? Kann man von ausgehen – muss man aber nicht! Und ich finde, das ist eine Augenhöhe. Dass man nicht einfach erzählt und die anderen müssen das schon checken. Sondern dass man versucht, die anderen Menschen mitzunehmen."
Kein Platz für Verschwörungserzählungen
Die meisten ihrer Follower schätzen, was Susanne Siegert auf ihrem Kanal macht. Aber natürlich bekommt sie auch Gegenwind – besonders aus der rechtskonservativen oder extremen Ecke. Vor allem Männer versuchen sie mit Kommentaren zu ihrem Aussehen zu diskreditieren, andere beschweren sich, wenn sie gendert. Anfangs dachte sie noch, dass sie in jede Diskussion reingehen und auf jeden Kommentar antworten müsse: "Wenn aber jemand gar keine Antwort haben möchte, sondern nur eine Plattform will für seine Verschwörungserzählung oder eine Falsch-Info, (…) dann interessiert es die meisten Menschen gar nicht. Deswegen lösche ich jetzt ganz viel und blockiere ganz viel. Weil: Wenn ich das trotzdem aufkläre, wird der Ursprungskommentar mit der Falsch-Info immer die größere Sichtbarkeit haben und das ist gefährlich."
Neues Buch: "Gedenken neu denken"
Susanne Siegert vergräbt sich aber nicht nur in alte Akten oder bastelt an neuen Reels, sondern hat auch vor der Haustür ihrer bayerischen Heimat die Augen aufgemacht. Nur 20 Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt liegt in einem Waldgebiet das Außenlager Mühldorfer Hart, das zum Konzentrationslager Dachau gehörte. Obwohl es in der Nähe war, war sie als Kind oder Jugendliche nie dort. Wenn sie in anderen Städten auf Lesereise ist, recherchiert sie andere NS-Tatorte, die heute in Vergessenheit geraten: "Das ist das Besondere an diesen Orten: Dass sie mittlerweile Teil unserer Lebenswelt sind und keine oder nur kleine Markierungen wie Infotafeln oder so haben."
Unser Land wäre heute nicht so, wie es ist, ohne diese Verbrechen.
Susanne Siegert über die Spuren des Nationalsozialismus
Auch knapp 100 Jahre nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten findet man die Spuren der Zeit noch überall, sagt Siegert. Von Nazi-Deutschland geraubte Bilder hängen in Museen, Begriffe und Redewendungen überleben im Sprachgebrauch und unser Grundgesetz baut auf diese Zeit auf: "Unser Land wäre heute nicht so, wie es ist, ohne diese Verbrechen." Wie sich die Erinnerungskultur in Deutschland verändern muss, darüber hat Susanne Siegert in ihrem Buch "Gedenken neu denken" geschrieben.
Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 9. Juni 2026, 18:05 Uhr