Frauengeschichte(n) aus der Region Eine Chefin mit großem Herz war ihrer Zeit voraus

Autor/Autorin

  • Mirjam Benecke
Collage zeigt Jeanette Schocken vor der Villa Schocken in Bremerhaven
Bild: Radio Bremen | Jeanette Schocken Preis – Bremerhavener Bürgerpreis für Literatur

Jeanette Schocken lebte in Bremerhaven und war eine jüdische Geschäftsfrau. Sie sorgte für die faire Bezahlung der Angestellten – bis die Nazis kamen.

Jeanette Schocken kommt im Jahr 1903 mit ihrem Ehemann Joseph nach Bremerhaven. Das jüdische Ehepaar bekommt drei Kinder und bald kennt jeder in Bremerhaven den Namen Schocken. Denn Joseph eröffnet zwei große Kaufhäuser. Bonbons, Feinstrümpfe, Handtücher: Im Kaufhaus Schocken gibt es alles – und zwar zu günstigen Preisen.

1934 stirbt Joseph Schocken und Jeanette übernimmt gemeinsam mit ihrem Schwiegersohn die Geschäfte. Sie ist eine tüchtige Geschäftsfrau und doch immer darauf bedacht, dass es den Menschen um sie herum gut geht. Eine ehemalige Mitarbeiterin erinnert sich später im Interview: "Wir kriegten damals schon Urlaubsgeld, was es noch nirgends gab. Wir kriegten damals schon drei Mark pro Tag Uraubsgeld. Das war damals viel Geld!"

Sie muss eine willensstarke Frau gewesen sein, die auch ein gewisses Auftreten hatte.

Historikerin Saskia Otten über Jeanette Schocken

Jeanette Schocken engagiert sich in mehreren Frauen- und Wohltätigkeitsvereinen. Außerdem ist sie in der israelitischen Gemeinde aktiv und setzt sich besonders für Jüdinnen und Juden ein. "Sie muss schon eine willensstarke Frau gewesen sein, die auch ein gewisses Auftreten hatte", erklärt Saskia Otten, die sich am Historische Museum Bremerhaven mit dem Leben von Jeanette Schocken beschäftigt hat. "Sie hat sich immer für andere Menschen eingesetzt. Da gibt es ja ganz andere Geschäftsleute, die dann eher auf ihre eigenen Belange achten. Und ihr schien es aber immer wichtig zu sein, der Allgemeinheit etwas zurückzugeben."

Die Schrecken der Reichspogromnacht bleiben

Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten gibt es auch immer mehr rassistische Angriffe auf die beiden Schocken-Kaufhäuser in Bremerhaven. Die paramilitärische SA steht immer öfter vor der Tür und pöbelt Kundinnen und Kunden an. In der Reichspogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 werden die Geschäfte der Familie Schocken zerstört und geplündert. Auch vor ihrem Haus, einer Villa in Bremerhaven-Lehe, machen die Nazis keinen Halt und werfen die Scheiben ein.

Jeanette Schockens älteste Tochter Edith nehmen die furchtbaren Schrecken dieser Nacht so mit, dass sie einen Nervenzusammenbruch erleidet. Sie muss ins Sanatorium. Nach der Reichsprogramnacht wandern viele Mitglieder der Familie Schocken aus – in die Vereinigten Staaten oder nach Palästina. "Jeanette Schocken ist in Bremerhaven geblieben, weil sie noch warten wollte, bis ihre Tochter Edith aus dem Sanatorium entlassen wird", sagt Saskia Otten. "Es war ihr ganz wichtig, für die Tochter da zu sein und sie nicht allein zu lassen."

Eine neues Bild zur Erinnerung

Zeichnung von Jeanette Schocken auf einem Stromkasten
An Jeanette Schocken wird mit einem Kunstwerk in der Bremerhavener Innenstadt erinnert. Bild: Radio Bremen | Mirjam Benecke

Sobald es Edith bessergeht, will auch Jeanette Schocken das Land verlassen. Doch dazu kommt es nicht mehr. Im November 1941 werden Jeanette und Edith Schocken zusammen mit 570 jüdischen Frauen, Männern und Kindern aus der Region nach Minsk deportiert. Sie und ihre Tochter werden ermordet. Ihr Name lebt in Bremerhaven weiter.

Seit den 1990ern wird alle zwei Jahre der "Jeanette-Schocken-Preis – Bremerhavener Bürgerpreis für Literatur" verliehen. Seit diesem Jahr erinnert außerdem ein Kunstwerk des Projektes "Hidden Sheroes" von Ellinor Amini an die Geschäftsfrau: Mitten in Bremerhaven ist ihr Porträt auf einem Stromkasten zu sehen.

Dieses Thema im Programm: Der Samstagvormittag, 27. September 2025, 13.40 Uhr

Bremen Zwei Livestream & aktuelle Sendung.

Der Morgen mit Jörn Albrecht

Der Morgen

Jetzt läuft:

Nolwenn Leroy Juste Pour Me Souvenir
  • Jetzt läuft:

    Nolwenn Leroy Juste Pour Me Souvenir